Erfahrungsbericht: Mercedes C63 AMG T-Modell

Nachdem ich eine vergleichsweise umfangreiche und auch vielfältige automobile Historie hinter mich gebracht hatte, fuhr ich im Jahre 2009 das allererste Mal in meinem Leben einen Mercedes. Zwar gab es ein paar wenige Modelle, die mir in der Vergangenheit gefielen; konkret waren dies der W201 2.5 16V, der C126 und der R129. Aber was Mercedes ansonsten so produzierte war schlimmstes Spießertum auf Rädern. /8, W123, W202 und W203 sowie auch alle E-Klassen hatten den Muff von Wackeldackel und Taxi-Betrieb. Weshalb mein erster dauerhafter Firmenwagen 1998 ein BMW wurde (E39 520i). Das war seinerzeit so etwas wie ein automobiler Maßanzug, wohingegen die E-Klasse wie eine pummelige Schwäbin auf Spätzle daherkam. Nicht besonders sexy!

Im Jahre 2009 bekam meine Ex (die aus der Modebranche) einen C220 cdi vor die Tür gestellt. Ich hatte das Auto schon länger als ersten Mercedes seit Urzeiten wirklich schick gefunden. Klar und sehr technisch gezeichnet. Keinerlei unnötiger Schnickschnack aber trotzdem einfach elegant und sogar sportlich. Wow! Zu dem Zeitpunkt fuhr ich selbst einen optisch identischen Alfa 156 1.9 jtd Sportwagon (gechipt auf 167 PS).

alfa156

Ein bildschönes Auto! Allein deshalb hatte ich es auch gekauft. Vielleicht noch schöner als die C-Klasse. Aber eben leider NUR schön 🙁 Für Skiurlaube war die Skidurchlade praktisch. Die besaß der Mercedes meiner Ex nicht (sie wäre aber gegen Aufpreis auch lieferbar gewesen). Da wir aber eh immer zu zweit fuhren brauchten wir sie nicht. Ansonsten passte in den Alfa im Vergleich zur C-Klasse deutlich weniger rein und im Qualitätseindruck lagen einfach Welten dazwischen. Bei 172.000 km (als ich den Alfa verschenkte, weil ich für die Verschrottung nicht auch noch bezahlen wollte) war so gut wie alles bereits (teils mehrfach) kaputt gewesen. Das LCD-Display des Billignavis (ein besseres gab es bei Alfa aber nicht) funktionierte nur noch ansatzweise und das vollverzinkte Auto rostete bereits an allen Ecken und Enden. Wie auch immer das möglich war. Durch die vielen Reparaturen stellte sich der Alfa auch nicht als wirklich preiswertes Auto dar. Zweimaliger Wechsel des Kühlers, der Kupplung sowie der Wechsel von drei Radlagern und sogar des kompletten Schaltgestänges sind bei 172.000 km eigentlich nicht passabel. Dass die Lenkydraulik leckte versteht sich da beinahe von selbst. Relativ kurze Zeit nachdem ich ihn verschenkt hatte, zerlegte es auch noch den Turbolader und das Getriebe. Einfach ein Auto für finanzielle Masochisten!

Ich brauchte also einen Nachfolger. Und als Alltagsauto musste es wieder ein Kombi sein. Das brauche ich, um auch größere Ladevolumina transportieren zu können, z.B. Möbel für meine kroatische Inselwohnung. Es ist einfach immer besser zu viel als zu wenig Platz mit sich herumzufahren.

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Gestatten: 6.2 Liter V8, 520 PS, V-max 320 km/h

2009 hatte es meinen TVR Griffith leider erwischt. Schwelbrand der Elektrik mit der Konsequenz, dass ich das unvergleichliche V8-Brüllen seither schmerzlich vermisste. Bei Youtube gibt es genug Soundbeispiele. Das hier u.a.:

Als großer Top-Gear-Fan hatte ich den C63 schon längere Zeit im Visier, u.a. wegen dieses Berichtes:

Die Charakterisierung als „Axtmörder mit Frontscheinwerfern“ trifft uneingeschränkt zu und macht einen Großteil des Reizes dieses Autos aus. Der BMW M3 mag auf der Rennstrecke im Vorteil sein. Auf der Autobahn beschleunigt der gedopte C63 ihn aber in jeder Lebenslage aus. Der Audi RS4 ist eigentlich nichts weiter als ein etwas besser motorisierter VW Golf. Noch kein einziger RS4 hat mir zu folgen versucht, wenn ich ihn durch das kurze Aufbrüllen des riesigen V8 im S-Modus direkt neben ihm zum „Spielen“ aufgefordert habe. Überhaupt ist es eine vergleichsweise lustige Angelegenheit, wenn man sich auf der Autobahn bei ca. 120 km/h vor einen dahinschleichenden 911er setzt, dann den S-Button (S steht vermutlich für Spaß 😉 drückt und anschließend voll auf den Pin tritt. Dem Porsche-Fahrer platzen buchstäblich die Ohren. Weil sich nämlich sein inzwischen zivilisiertes Motorengeräusch sehr gedämpft hinter ihm abspielt und er daher die volle Wucht des geradezu apokalyptischen AMG V8-Hämmerns zu spüren bekommt <hähä>.

Und er hat leider nicht den Hauch einer Chance hinterherzukommen (es sei denn Spitzenversionen). Noch lustiger gestaltet sich das Spielchen natürlich mit z.B. Skoda Octavia RS Diesel-Kombis. Da sitzen meist irgendwelche Familienväter mit pseudosportlichen Ambitionen drin. Wie groß muss deren Frust wohl sein, wenn das 6.2 Liter Monster von Babybenz vor ihnen davonschießt wie ein Speedboat auf Koks vor einem Paddelboot unter Valium? Dies zumal es ja eigentlich auch ein Familientransporter sein könnte… …wäre ich denn jemals so dämlich gewesen eine Frau zu schwängern! 😉

Gestern wollte ein CLA 450 AMG sich mit mir balgen. Der war nur dummerweise bei 250 km/h abgeregelt. Auch sonst war er bei 360 PS mit 1585 kg im direkten Vergleich (1760 kg bei 520 PS) massiv unterlegen. Denn ein Leistungsgewicht von 4,4 kg/PS im Vergleich zu 3,38 kg/PS spricht auch bei gleichem Getriebe immer noch eine deutliche Sprache. Fakt ist, der CLA kam nicht einmal ansatzweise hinterher. Bin gespannt auf den ersten C63 AMG der Turbogeneration zu treffen.

Gekauft Anfang 2014 mit 72.000 km auf der Uhr. 520 prüfstandsgemessene PS zum Preis eines aktuellen Golf GTD mit 184 PS, Lederausstattung und Navigationspaket. Kein einziger außerplanmäßiger Werkstattaufenthalt bisher (105.000 km). Er ist allerdings ein Hinterreifenvernichter vor dem Herren! Was aber zuvorderst an meiner Fahrweise liegt. 16,7 Liter Shell V-Power laufen im Mittel je 100 km durch. Aber es geht auch deutlich anders, siehe:

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Da will die Maus einfach keinen Faden abbeißen und ich vertraue dem Bordcomputer. Real dürften es wohl noch ein wenig mehr sein. 400 km mit einer Tankfüllung sind praktisch nicht zu schaffen. Womit sich der C63 AMG als Reisewagen eigentlich komplett disqualifiziert, weil ihn jeder noch so lahme Turbodiesel spätestens beim Tankstopp alle ca. 350 km wieder überholt. Und der Turbodiesel rollt auch nach 700 km wieder am AMG vorbei. Und nach 1.050 km möglicherweise erneut. Mit der ersten Tankfüllung wohlgemerkt!

Aber der Turbodiesel kann sich eben auch nicht mit Porsche 911 balgen (und dabei noch schneller sein), Ebensowenig wie er Maseratis und Jaguare geradezu in Grund und Boden beschleunigen kann. Auch wird kaum ein Superbikefahrer sich mit einem Turbodiesel anlegen wollen. Beim C63 schaut das hingegen ganz anders aus. Sobald die Jungs die vier armdicken Rohre hinten sehen wollen sie „spielen„. Und dann kommt das, was den C63 eben in so unnachahmlicher Weise auszeichnet: S-Mode, Kickdown und der C63 geht bestialisch schnell und unter markerschütterndem Gebrüll nach vorne. Dagegen erscheint selbst der TVR Griffith wie ein Kinderspielzeug. Ich habe es noch nicht geschafft das kleine Monster bis zum Anschlag auszufahren. Aber die 300 km/h erreicht es recht locker bei noch deutlich spürbarem Vorwärtsdrang.

Die Fahreigenschaften sind überragend. Ich fahre 18“ Felgen und vergleichsweise Billigreifen (Barum Bravuris). Natürlich würde ich damit auf der Nordschleife keinen Stich kriegen. Aber das interessiert mich nicht. Der AMG ist kein Racer, sondern ein Eiltransporter. Was ich auf der Autobahn treffe, ist im direkten Vergleich trotzdem praktisch alles Bantha Pudu. Damit ist für mich dann auch Schluss. Ich bin in der 300+ km/h Liga angelangt und dabei noch vernünftig geblieben. Als Selbständiger kann ich das Geld leider nicht selbst im Keller drucken. Natürlich werden künftig viele Autos noch schneller sein als der C63 AMG. Der neue Porsche Turbo S kommt beispielsweise mit 580 PS auf den Markt. Aber mit den meisten davon werde ich keine Schränke transportieren oder in den Skiurlaub fahren und dabei gleich mehrere Paar Ski mitnehmen können, ohne einen hässlichen Dachgepäckträger herumkutschen zu müssen. Und sie werden alle nicht diesen unvergleichlichen, riesigen Hochdrehzahlsauger haben. Zumindest nicht mehr wenn sie aus Europa stammen.

Fazit:

Der C63 AMG als T-Modell ist die perfekte Kombination vieler für mich wichtiger automobiler Eigenschaften. Er nimmt eine Europalette auf, hat eine Zuladung von über 400 kg und liegt auch ohne technisch aufwändiges (und damit fehleranfälliges) verstellbares Fahrwerk sehr gut auf der Straße. Mit der 18″ Bereifung traktiert er seine Insassen nicht mit harten Fahrwerksschlägen (was sich bei 19″ Bereifung schon deutlich anders darstellen soll). Er ist tatsächlich sogar deutlich komfortabler als der Alfa 156 mit dem Seriensportfahrwerk. Die TCO übertreffen die des Alfa bisher nicht wirklich. Denn noch ist schlicht nichts kaputt gegangen. Daher erscheint der C63 sogar gefühlt trotz des hohen Spritkonsums irgendwie preiswerter. Aber das kann auch daran liegen, dass man so etwas wie einen Supersportwagen bewegt, der kostentechnisch praktisch nicht ins Kontor schlägt. Was aber zugegebenermaßen auch daran liegt, dass ich die Unterhaltskosten nicht selbst aufbringen muss.

Er verhält sich genau so wie man es von einem Mercedes erwartet. Man steigt ein, fährt 1.300 km, steigt wieder aus. Nichts klappert und nichts ist defekt. Zwischendurch hat man zusätzlich aber noch irrsinnigen Spaß gehabt. Wo der Alfa jtd bei 220 km/h bereits die Pobacken zusammenkneifen musste da geht der C63 nochmals derart vehement zur Sache, dass man Angst um seine Umgebung bzw. vor deren fehlender Aufmerksamkeit hat. Von Geschwindigkeiten unter 100 km/h bis 200 km/h gar nicht zu sprechen. Hier fühlt man sich in etwa wie Lord Vader, der in seinem TIE-Fighter um Eselskarren herummanövrieren muss.

Der Motor ist einfach unbeschreiblich und es ist mir völlig unverständlich warum Mercedes ihn nicht mehr – zumindest als Alternative – weiter baut. Sondern die Kunden dazu zwingt anfällige Zwergenturbomotoren mit Fakesounddesign zu kaufen. Das hat mit der Ursprungsidee von AMG nichts mehr zu tun. Ist aber billig zu produzieren und kommt in China gut an. So werden große Brands aus Profitgesichtspunkten heraus um ihren Kern gebracht und damit letztlich zu Grunde gerichtet.  Weshalb ich jedenfalls die Rasenmäherturbomotörchen unter 5 Litern nicht mehr als AMG´s betrachte, sondern als Mercedes mit einem „AMG Papperl“ darauf. Es sind eigentlich nichts weiter als Falsifikate! Denn hätte AMG unter seinen Gründern Turbomotoren bauen wollen, dann hätten sie das schon längst getan. Taten sie aber nicht, weil die Charakteristik – vor allem aber das Soundpotential – eines großvolumigen V8-Saugers nun einmal mit nichts zu vergleichen sind.

Manche Männer stehen eben nach wie vor auf schöne Naturbrüste statt auf Silikon. Silikon kann halt jede Frisöse, so wie auch jeder Tuner einen Turbo draufpacken kann…

… ich jedenfalls bin froh mir dieses Exemplar eines absolut phantastischen Spaßmobils gesichert zu haben. Und freue mich auf noch sehr viele Jahre Spaß mit dem kleinen Biest und dessen apokalyptischem Sound 🙂

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