Jakob Augstein: Im Zweifel links

Viva la Sezession!

Werte Leser, ich halte von Jakob Augstein in Zweifel so viel wie von Krätze am Hintern. Er ist in meinen Augen eine linke Wehe wie es keine Schlimmere mehr geben kann. Aber ich bin eben auch ein Mensch der vernünftige Ansichten gutheißt. Und da ist es mir recht wurscht wer diese formuliert. Selbst wenn der Bastard von Martin Walser – den ich ebenfalls nicht besonders schätze (http://www.jerkos-welt.com/martin-walser-ist-an-altersdebilitaet-erkrankt/) – etwas entäußert, was ich vernünftigerweise eben so sehe, so sehe ich mich daher durchaus dazu gezwungen ihm Recht zu geben. Weshalb ich seine Meinung, welche ich heute im – noch – aktuellen Spiegel gelesen habe hier gerne wiedergeben will.

Die Katalanen haben in Deutschland zurzeit nicht sehr viele Freun­de. Kaum jemand versteht, warum sie weg von Spanien streben. Die Konservativen bei uns erheben den Vorwurf, eine Sezession sei wirtschaftlich unvernünftig und politisch gefährlich. Die Linken wittern ei­nen Egoismus der reichen Region und einen nationalistischen Rückfall. In Wahrheit die­nen beide Vorwürfe nur dem Zweck, eine Einrichtung zu schützen, die diesen Schutz nicht verdient: den Nationalstaat.

 

In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde vor ein paar Tagen Ralf Dahrendorf zitiert, der den heterogenen Nationalstaat die „größte Errungenschaft der politischen Zi­vilisation“ genannt habe. Die katalanische Kleinstaaterei sei dagegen ein Rückfall in die „Stammesgesellschaft“ und darum abzulehnen. Denn, so das härteste Dahrendorf-Zitat in diesem Zusammenhang: „Selbstbestimmung lädt zur Diktatur ein.“ Als wäre das noch nicht genug, wird mit Chaos auf dem ganzen Kontinent gedroht: Baskenland, Belgien, Korsika, Norditalien, Südtirol – am Ende macht das Sezessions­virus Europa den Garaus. Ist das so? Erst Eurokrise, dann Rechtspopulismus – und nun noch Zerfall? Nein. Das Gegenteil ist richtig. Die Sache der Sezession ist die Sache Europas!

 

Offenbar ist der ursprüngliche Sinn der Europäischen Union in Vergessenheit gera­ten. Zur Erinnerung: „Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nationen und die Organi­sation eines nachnationalen Europas.“ Wal­ter Hallstein soll das so gesagt haben, der erste Präsident der Europäischen Kommissi­on. Europa war immer ein Projekt nicht nur gegen den Nationalismus – da würden alle mitgehen -, sondern gegen den Nationalstaat.

 

Das ergibt heute noch mehr Sinn als zu Hallsteins Zeit. Denn der von Dahrendorf so gelobte Nationalstaat wird nicht mehr gebraucht. Alle Aufgaben können heute besser auf einer übergeordneten – europäi­schen – oder einer untergeordneten – re­gionalen – Ebene gelöst werden. Was wir gerade als Wiedergeburt der Nationen erleben, ist ein gefährlicher Atavismus, der dem Fortschritt im Weg ist.

 

Regionen sind das Gewachsene. Natio­nen das Erkämpfte. Eine Region muss nicht mit Blut und Eisen geschmiedet wer­den. Sie besteht, und sie bleibt auch be­stehen. Also lasst doch die Landkarten sich neu sortieren! Das Europa der Regionen wäre das gerechtere Europa. Es würde nicht von den großen Flächenstaaten Deutschland und Frankreich dominiert.

 

Und es wäre das vielfältigere Europa. Ein buntes Kaleidoskop der Kulturen, die unter einem gemeinsamen europäischen Dach aufblühen könnten.

 

So war das alles einmal gedacht. Und so soll es auch werden. Robert Menasse, der für seinen Roman über die EU gerade sehr geehrt wird, hat ein schönes Bild gefunden: „Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig.“ Aber die Katalanen sind nicht wahnsinnig. Sie hören die Musik. Sie tanzen.

Ich selbst lebe in diesem Europa der Regionen. Wir auf der kleinen Insel hier sind ein buntes Vielvölkergemisch. Es gibt Serben und Kosovaren. Slowenen sowieso und auch ein paar Deutsche und Ösis. Heute saß ich – mal wieder – in der Bocca Vera. Leider war die bildhübsche Kellnerin nicht vor Ort. 🙁 Aber neben mir saßen zeitweilig zwei Slowenen, die gleichzeitig perfektes Kroatisch sprachen. Wie immer waren die Kellner von ausgesuchter Höflichkeit und das Essen war – erneut – ein Genuss. Heute gab es Schweinefiletmedallions, umwickelt mit Pancetta …

… für 85 Kuna (ziemlich exakt 11,5 EUR). Mit drei Tomislav Schwarzbier und Trinkgeld kam ich auf 170 Kuna (22,30 EUR).

Eigentlich esse ich nicht gerne Schweinefleisch. Aber das Schwein schmeckte wirklich nach Schwein. Beinahe nach Wildsau, die es vielleicht auch war, denn hier auf der Insel laufen die zuhauf im Gestrüpp herum und werden zunehmend mehr in der Gastronomie “verwurstet“. Die zarten Medaillons waren von allerfeinster Qualität und die Sauce ein echtes Erlebnis.

Ich mag ein Europa der Regionen. Darf ich Ihnen eine – globalisierte – Alternative aufzeigen? Schauen Sie sich bitte einmal eine deutsche Innenstadt an. Dann fahren Sie bitte nach China und selbst da sehen Sie die selben Brandstores. Zara, Mango, Louis Vuitton und wie sie nicht alle heißen.

Früher gab es sogar ein Deutschland der Regionen, bevor Firmen wie z.B. Gerry Weber an jeder zweiten Straßenecke noch einen Store aufmachten. Meine Mode-Ex war dort beschäftigt und ich weiß daher sehr gut wie dieses System funktioniert. Es ist einfach nur noch ein Trauerspiel. Die kleinen Boutiquen gehen reihenweise kaputt, weil der dummgutdeutsche “Geiz ist geil” Konsument immer wieder den gleichen Scheiß kaufen will. So sind u.a. auch McDonalds und Burger King groß geworden. Standartisierte Scheiße zum standartisierten Preis. Ab und an gibt es dann mal ein Lockangebot, wie derzeit den McRib für 1,99 EUR. Und schon rennt der Pöbel wie ferngesteuert los und frisst sich die dumme Wampe noch fetter, anstatt endlich mal zu begreifen, dass Leben Genuss bedeutet, oder zumindest bedeuten sollte.

Aber das zu verstehen, dazu ist der Pöbel schlicht zu dumm. Die Plebs erachtet Konsum als begehrenswert. Dabei liegt der Genuss in der Einfachheit. “Der Usmiani hat ja Geld ohne Ende” wird sich jetzt der ein oder andere – mal wieder – denken. Nein, der Usmiani kocht auch mal ein paar Tage hintereinander selbst Nudeln, um sich dann wieder ein leckeres Essen zu gönnen. Natürlich könnte ich – rein rechnerisch – auch jeden Tag hier fürstlich speisen, schließlich gehört die Wohnung mir und ansonsten müsste ich in der Hauptsaison ca. 120 EUR täglich dafür bezahlen. So gesehen sind selbst 30 EUR für die tägliche Futterei noch relatives Kleingeld.

Aber das ist nicht der Kern der Sache. Es geht darum, dass man sich den Genuss bewusst “gönnt“. Es geht darum, dass man das Leben genießt. Und das geht sogar mit einer Portion Ćevapčići für 45 Kuna bei Robi. Da bekomme ich inzwischen statt der Lepinja stets eine ordentliche Mehrportion an Zwiebeln.

Es geht im Leben nicht ums Geld. Niemand kann sein Geld mit ins Grab nehmen. Es geht um Glück und Zufriedenheit. Das habe ich heute – einmal mehr – begriffen. Ich danke dem lieben Gott, an den ich bekanntlich nicht glaube, einfach dafür, dass es diese wunderschöne Insel gibt. Und ebenso, dass ich nach fünf Tomislav (7,3%) und aktuell einem halben Liter Riesling noch in der Lage bin diesen Beitrag geschrieben zu haben.

Und jetzt schaue ich die Tagesschau!

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