Waittimer-Bericht: Alfa Romeo 156 2.5 24V / GTA

Von Herbst 1997 bis 2007 gebaut war der Alfa 156 nicht nur ein Modell mit einer für ein Mittelklasseauto enorm langen Baudauer, sondern er nähert sich stramm dem Alter ab dem ein Auto früher als Oldtimer zugelassen werden konnte. Und bald als gepflegter Youngtimer bei der Zürich-Versicherung zu Sonderkonditionen versichert werden kann. Empfehlenswert sind – wegen der höchsten Wertsteigerung – wie immer die Spitzenmodelle. Dies war von 1997 an der 2.5 24V, bis Alfa 2002 den GTA nachlegte.

Diesen bin ich 2005 einmal Probe gefahren und muss zugeben, dass er mich im Vergleich zum 2.5 24V nicht nachhaltig beeindruckte.

Was vermutlich daran lag, dass der Unterschied zwischen 7,3 Sekunden von 0-100 (2.5 24V) und 6,3 sec. (Werksangabe GTA) nominell recht groß ist. Aber gefühlt eher kaum wahrnehmbar. Wir reden über eine Sekunde Differenz. Und das bei perfektesten Bedingungen usw. In der Realität des frontgetriebenen automobilen Alfa-Alltages also praktisch überhaupt nicht wahrnehmbar. Bereits der 2.5er kriegt seine Kraft schon bei leichter Feuchtigkeit nicht mehr auf die Straße gebracht.

Im Jahre 2003, ich war seit zwei Jahren selbständig und brauchte einen Zweitwagen zu meinem TVR 280 S1 (weil sich das Ding bei Schnee keinen Meter weit bewegen ließ), wollte die Partnerin einer von mir betreuten Kanzlei unbedingt ihren Alfa 156 2.5 24V gegen einen Mini Cooper S eintauschen. Also machte ich für 7.200 EUR bei nur 70.000 km Laufleistung ein echtes Schnäppchen und schoss mir den Azzuro Blu farbenen Italiener. Leider habe ich keine Photos mehr von ihm. Aber er sah exakt so aus, meiner hatte allerdings dunkelblaues Leder.

alfakeil

Er war jedenfalls ein echter Schönling und kam bei hübschen Frauen gut an. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie seinerzeit bei meiner ersten Chat-Ansprache der hübschen Biologiedoktorandin sofort auffiel, dass ich in meinem Dating-Profil ein Blitzerphoto von Alfi und mir hatte, woraufhin sie meinen guten automobilen Geschmack lobte. Allerdings war er ihr ein wenig zu schnell, wenn sie dann später bei mir mitfuhr.

Jetzt ist Schönheit aber eben nicht alles. Wer z.B. will dauerhaft eine hübsche aber nervtötende Frau ertragen? Bei Autos – zumindest Alltagsautos – ist es nicht anders. So wie der Sex nur einen recht kurzen Zeitraum innerhalb einer Beziehung beansprucht (Es soll Männer geben die mehr Zeit auf der Toilette verbringen als beim Koitus mit ihrer Gefährtin) sind auch so spezielle Erlebnisse wie z.B. eine Nordschleifenrunde mit dem hoch drehenden und Maserati-ähnlich klingenden V6 eher die Ausnahme. Im Alltag kommt es eben doch mehr auf Werte wie Zuverlässigkeit, Haltbarkeit, Verlässlichkeit und letztlich auch erträgliche Kosten an. Wäre ich bereit Geld für Sex zu bezahlen, dann würde ich mir nach Art eines Sugardaddys ein junges Huhn zulegen. Bin ich aber nicht, weshalb ich auch von meinen Autos erwarte, dass sie letztlich bei allem Spaßfaktor trotzdem nicht meine persönliche Grenze der Vernunft sprengen.

So bin ich beispielsweise mal einen Ferrari F430 Spider „Probe“ gefahren. Es begab sich als wir uns zufällig auf den engen Landstraßen rund um die Bevertalsperre trafen, wo ich sonntags mit meinem Griffith 430 gerne unterwegs war, um das Gehör von Eichhörnchen und Spaziergängern zu schädigen. Als wir die Autos wieder tauschten hatte ich beinahe den Eindruck, dass der Ferrari-Fahrer meinen kleinen Greiff am liebsten behalten hätte. Als wir uns dann über die laufenden Unterhaltskosten unterhielten, kullerte ihm gefühlt das ein oder andere sprichwörtliche kleine Tränchen aus den Äuglein.

Großer Spaß muss also nicht unbedingt viel Geld kosten. Autos sind wie Frauen. Den besten Sex hat man oftmals nicht mit der aufgebretzelten Highheels-Tussi mit dem perfekt geschminkten Schmollmund. Was hab ich schließlich von dem, wenn sie mit ihren Lippen nicht umzugehen weiß? Dann doch lieber das hübsche aber einfache Mädel von nebenan. Das mimt nicht ständig die Diva und ist auch für kleinere Zuwendungen schon dankbar. Da wo beim Ferrari für einen Kupplungswechsel der ganze Motor raus muss, begnügt sie sich bereits mit leichtem Anheben des „Triebwerkes“. Und genau so ein Typ ist der Alfa 156 2.5 24V. Er ist natürlich nicht so praktisch durchkonstruiert wie z.B. eine Mercedes C-Klasse. Und der Wechsel der hinteren Zündkerzen verursacht beim V6 Aufwand. Ebenso wie der Zahnriemenwechsel alle ca. 70.000 km. Der Verbrauch war seinerzeit schon nicht mehr zeitgemäß. Der Sound entschädigte dafür aber wieder. Insgesamt hat mich der Schönling nicht ein einziges Mal im Stich gelassen.

Und trotzdem er einerseits eine Diva war, war er ein echter Kumpel. Ich hätte ihn nie als „mein Schatz“, meine „Süße“ usw. bezeichnet, wie es die Alfa-Namen ja oft naheleg(t)en (Giulia, Giulietta usw.). Nein, mein 156er war eine Schlampe mit einem Männerherzen. Sie war ein Biest mit dem man stundenlang 230 km/h hetzen konnte. Sie merken, er ist der 156er. Aber hinter seiner neutralen Typbezeichnung steckt eben doch eine echte Schönheit. Und da Männer nun einmal nicht schön sind, ist Walter da Silva mit diesem Auto ein genialer Wurf gelungen. Ein Auto für Männer, das sich anfühlt und fährt wie eine echte Schlampe im Bett. So ähnlich wie seinerzeit der Bertone GTV 2000, den ich als Schüler eine Zeitlang besaß.

Selbst im Winter sprang er problemlos an. Für einen Italiener ein schlicht nicht nachvollziehbares Phänomen. Ich fuhr ihn immerhin vier Jahre lang 25.000 km pro Jahr. Und nicht ein einziges Mal musste ich den ADAC rufen. Es war ein Erstserien 156´er Bj. 1998. Und bis auf die Lederqualität wie auch die sonstige Haptik im Innenraum, die schon seinerzeit nicht einmal mit der Konzernschwester Lancia mithalten konnte, war der Gesamteindruck ok. Allerdings fühlte der Alfa sich irgendwie leicht an. Die problemlos möglichen 230 km/h auszufahren forderte selbst mir manchmal etwas Respekt ab. Aber das Gefühl trügt. Das Auto liegt wie das sprichwörtliche Brett.

Vielleicht lag es am Sportfahrwerk des Alfa i.V.m. dem Frontantrieb. Der Alfa holperte, stolperte und schlug mit den vorderen Stoßdämpfern einfach nur so um sich. Komfort ist etwas anderes. Und wenn man jeden Schlag auch noch direkt ins Lenkrad übertragen bekommt, so lässt das einfach irgendwie am Qualitätseindruck insgesamt zweifeln. Der gleiche Eindruck stellte sich übrigens bei mir ein, als ich mir wegen der grundsätzlich hohen Zufriedenheit als Nachfolger einen 156 1.9 JTD kaufte, den ich auf das Alfisti.Net-Sportfahrwerk umrüsten ließ. Dieser Alfa war übrigens, trotzdem wesentlich neuer und bei Alfa Düsseldorf gekauft, einfach durchweg Kernschrott. Und obwohl vollverzinkt rostete er bereits an diversen Stellen, als ich ihn verschenkte weil ich nicht auch noch für seine Verschrottung bezahlen wollte. Mit dem Facelift-Modell blieb ich übrigens gleich mehrfach liegen. U.a. wegen defektem Schaltgestänge!

Ich weiß nicht, ob ich damit richtig liege, aber mir scheint als habe Alfa mit dem 156er seinerzeit ein Premiumprodukt schaffen wollen. Der V6-Motor jedenfalls ist (auch optisch) ein Traum und trotz der trampelnden Vorderachse machte das Auto einfach immer wieder Spaß. Es war nicht nur zuverlässig, sondern auch vergleichsweise preiswert im Unterhalt. Zumindest unter Berücksichtigung der Tatsache, dass man einen relativen Exoten bewegte. Natürlich wären Opel, BMW oder Mercedes günstiger gekommen. Aber ich schlafe doch auch nicht mit Bauerntrampeln. Und in etwa so sah die direkte Konkurrenz des Alfa 156 im Jahre 2003 aus:

bmw-3er-e46

Der BMW 3er E46 kam nicht einmal als Coupé an den Sexappeal der 156er Limousine heran. Wie der 156er als Coupé hätte ausschauen können, wage ich mir nicht einmal vorzustellen.

mercedes-w203

Glamouröses Photo. Und – wie ich finde – ein vergleichsweise langweiliges Auto. Schlimmer noch aber machte es Opel:

opel-vectra-2003

Der Bildhintergrund ist erstaunlich passend zum panzerwagenähnlichen Design gewählt. Ein Auto wie aus dem und für das Ghetto.

Für Autos, die teilweise erst in 2003 erschienen, sahen diese mehr als nur altbacken aus. Wohingegen der Alfa auch nach 5 Jahren Produktionsdauer noch ausschaute wie ein gertenschlankes Topmodell auf Stilettos. Man betrachte sich nur einmal die Felgen der teutonischen „Panzerfahrzeuge“. Durchweg grauselig. Allenfalls dem BMW möchte man schöne Schuhe attestieren. Allerdings passen diese so überhaupt nicht zu seiner ansonsten überaus biederen Linie. Da gefiel mir der Vorgänger, den ich auch mal als Firmenwagen hatte, noch deutlich besser.

Heute ist Alfa Romeo wieder ein Automobilbauer, der mit all seinen Fahrzeugen optisch das Cuore Sportivo anspricht. Der lächerliche 159er als schlechte „Evolution“ des 156 mit seinen Spinnenaugen-Scheinwerfern wurde rückstandsfrei entsorgt und mit der Giulia Quadrifoglio Verde haut Alfa endlich mal wieder einen richtigen Hammer raus. Kein 156 GTA mit geradezu lachhaften 250 PS. Sondern satte 510 PS und 307 km/h Topspeed. Senza Discussione! Leider hat die Giulia aber äußerlich so gar nichts Eigenständiges mehr. Sie wirkt eigentlich nur wie ein sexier gezeichneter BMW M3. Vielleicht weil sie die typische BMW C-Säule unkaschiert übernommen hat. Hier einmal der direkte Vergleich der beiden Autos:

alfa-romeo-giulia-qv

bmw-m3

Da bleibt in Anbetracht der doch etwas längeren Schnauze der Giulia allenfalls noch die Hoffnung, dass die Jungs bei Alfa eventuell noch den Plan verfolgen einen V8 oder gar einen V12 unter die Haube zu packen. Ob Alfa damit allerdings wirklich punkten könnte?

Hier die letzten News zur Giulia:  (http://www.auto-motor-und-sport.de/news/neuer-alfa-romeo-giulia-2016-8563346.html). Ich zitiere:

Auch bei der Alfa Giulia gibt es eine Antriebswelt dieseits des bereits bekannten 510-PS-Toptriebwerks. So wird die Sportlimousine einen 2,2-Liter-Vierzylinder Turbodiesel bekommen, der in den Leistungsstufen 150 PS/380 Nm und 180 PS/450 Nm angeboten wird. Beide Versionen sind wahlweise als Handschalter oder mit einer Achtgang-Automatik zu haben, in jedem Fall aber ausschließlich mit Hinterradantrieb. Bei den Benzinern kommt neben dem 510 PS starken 2,9-Liter-V6 ein Zweiliter-Vierzylinder mit Turboaufladung und 200 PS/330 Nm in Kombination mit Automatik.

Ich glaube danach eher nicht. Ich jedenfalls würde mir nach meinem C63 AMG mit seinen 520 PS aus 6.2 Litern Hubraum ganz bestimmt kein 2.9 Liter Rasenmähermotörchen mit sagenhaften 510 PS kaufen. Und 150 bis 200 PS sind heute schlicht eine Schande für eine Alfa-Limousine. Diesel ist sowieso abartig. Wer Alfista ist (oder überhaupt Autonarr) der bewegt niemals nimmer einen Diesel! (Jaja, ich weiß, ich hatte auch mal einen… aber einmal und nie wieder, OK?)

Und Jungs, ihr habt doch mit dem Motor des C8 ein phantastisches Triebwerk im Hause. Warum um Himmels Willen baut ihr dann solch einen 2.9 Liter-Turboschrott? Hättet ihr den V8 des C8 bloß ein wenig aufgepumpt, ihr hättet eventuell einen neuen Kunden gefunden…

… obwohl nein! Auf der Techno Classica habe ich sie nun live und in Farbe gesehen, die unglaubliche Giulia QV …

Giulia QV Back

… und nein! Sie ist leider nicht sexy 🙁

Im Gegenzug zu dieser „Alfista“ 😉

termingirls-alfa

Ich muss bis heute noch manchmal darüber grinsen, wie oft Menschen den hinteren Türgriff meines 156 nicht fanden. So war Alfa mal. Und so sollte Alfa auch wieder werden. Ein Auto für echte Individualisten, anstatt für Mainstreamdriver.

Hätte ich nicht schon zu viele Autos, ich würde mich jetzt auf die Suche nach einem gut erhaltenen Pre-Facelift Alfa 156 2.5 24V machen.